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Lipödem: Unbekannt und oft unerkannt

Es gibt Menschen, die nicht durch maßloses Essen oder zu wenig Bewegung an Beinen und Armen ganz plötzlich, wie aus heiterem Himmel, zunehmen. Hinter den oft verspotteten „Problemzonen“ kann sich auch ein Lipödem verbergen.

Das Lipödem ist eine Krankheit. Betroffene haben ihre ausladenden, teils unproportionierten Körperformen keineswegs von zu viel Schokolade und sie sitzen auch nicht faul auf der Couch. Bei ihnen bilden sich ab der Pubertät oder in den Jahren danach unkontrolliert Fettzellen an Ober- oder Unterschenkeln, manchmal auch an den Armen.

Die Krankheit ist noch nicht vollends erforscht, fest steht jedoch: Das Fett in den von Lipödemen betroffenen Körperregionen lässt sich nicht mit Sport oder Diäten loswerden, denn es ist eine spezielle Art von Körperfett, welches vom Körper nicht als Energiereserve angezapft wird. Auch wenn es so aussieht: Mit Übergewicht im klassischen Sinne hat das Lipödem nichts zu tun.

Woraus besteht ein Lipödem?

Das Fettgewebe im Bereich des Lipödems ist durchsetzt mit Eiweiß und Flüssigkeitsansammlungen. Das sorgt für Schmerzen, die Patienten klagen über Spannungsgefühl und Druckempfindlichkeit. Die Betroffenen leiden also nicht nur psychisch aufgrund ihres Aussehens, sondern ihnen geht es auch körperlich schlecht.

Leider bleibt die Krankheit häufig unerkannt: Ärzte und die Betroffenen selbst erkennen die Symptome selten, Spezialisten gibt es nur eine Handvoll. Deswegen befragten wir Prof. Dr. Wilfried Schmeller und Frau Dr. Meier-Vollrath von der Capio Hanse-Klinik genauer zu diesem Thema. Die Capio Hanse-Klinik in Lübeck ist spezialisiert auf dem Gebiet der Liposuktion (Fettabsaugung) und beschäftigt sich intensiv mit dem Krankheitsbild des Lipödems.

abnehmen.net:  Wie viele Menschen in Deutschland leiden an einem Lipödem und was ist die Ursache?

Die genaue Zahl der Patientinnen mit Lipödem ist nicht bekannt, da keine epidemiologischen Studien existieren. Es gibt Schätzungen, dass bis zu 1 Million Frauen in Deutschland betroffen sind.

Da die Ursache der Erkrankung unklar ist, gibt es keine klassischen „Risikogruppen“. Hormonelle und genetische Gründe spielen eine Rolle. Männer entwickeln kein Lipödem. Für Frauen ist die Aussicht, dass ein Lipödem auftritt, größer, wenn die Mutter bereits diese Erkrankung hatte. Übergewicht an sich ist kein Risikofaktor.

abnehmen.net: Wie macht sich das Lipödem bei den Betroffenen bemerkbar?

Typisch ist zunächst eine Volumenzunahme im Oberschenkelbereich, meist mit Beginn der Pubertät. Es entstehen unproportioniert dicke Beine bei schmalem Oberkörper. Meist treten dann im Laufe der folgenden Jahre, häufig nach einer Schwangerschaft, Schwellungen der Beine auf, die mit Spannungsgefühl und deutlicher Druckempfindlichkeit einhergehen. Zusätzlich kommt es zu Blutergüssen an den Beinen in Form „blauer Flecken“, ohne dass Verletzungen erinnerlich sind.

abnehmen.net: Wen sollte man als Erstes aufsuchen, wenn man den Verdacht auf ein Lipödem hat?

Bei Beinschwellungen sollte zunächst ein Phlebologe, also ein Venenspezialist, aufgesucht werden. Da in den meisten Fällen Krampfadern die Ursache für Beinschwellungen sind, sollten diese zunächst untersucht werden. Den Phlebologen ist das Krankheitsbild des Lipödems gut bekannt.

abnehmen.net: Welche Therapien werden zur Behandlung eines Lipödems eingesetzt?

Die Behandlung erfolgt zunächst immer konservativ. Sie ist auf die Beseitigung der Beinschwellungen ausgerichtet, d.h. das Gewebe wird entstaut. Dies erfolgt mittels Manueller Lymphdrainage (MLD) bei speziell ausgebildeten Physiotherapeuten. Dadurch werden die Beine wieder schlanker und die Beschwerden verschwinden ganz oder weitgehend. Um ein erneutes Anschwellen zu verhindern, soll danach auf Dauer ein Kompressionsstrumpf getragen werden. Diese lebenslange Behandlung richtet sich also auf die Beseitigung der Ödeme in den Beinen.

Zu Beseitigung der krankhaften Unterhautfettansammlungen ist demgegenüber nur die Liposuktion (Fettabsaugung) geeignet. Diese wird seit ca. 10 Jahren standardmäßig beim Lipödem eingesetzt und ist inzwischen Bestandteil der offiziellen Therapie-Leitlinien. Durch die operative Fettreduzierung entsteht wieder eine „normale“ Figur mit Beseitigung der in fortgeschrittenen Stadien oft entstellenden Körperform. Zusätzlich kommt es zu einer deutlichen Verbesserung bzw. zum Verschwinden der Ödeme und der Beschwerden.

abnehmen.net: Die Liposuktion gilt als die wirksamste Therapie gegen das Lipödem. Kann man nach einem operativen Eingriff erneut ein Lipödem bekommen bzw. ist es nach dem Eingriff noch da?

Die Liposuktion kann das Lipödem nicht völlig beseitigen. Es kommt zwar zu einer dramatischen Verbesserung der Erkrankung; in vielen Fällen ist aber weiterhin eine konservative Nachbehandlung nötig, da die Ödemneigung nicht „weggesaugt“ werden kann und noch – in allerdings deutlich geringerem Maße – weiter besteht. In ganz wenigen Einzelfällen wurde auch über ein – jedoch deutlich langsameres – Fortschreiten der Fettzunahme im Laufe der Jahre berichtet.

abnehmen.net: Bezahlt die Krankenkasse diesen Eingriff (Liposuktion beim Lipödem)?

In den allermeisten Fällen lehnen die gesetzlichen Krankenkassen die Kostenübernahme des Eingriffs ab, da die Leistung Liposuktion nicht zu ihrem Leistungskatalog zählt. Es gibt jedoch immer mehr Patientinnen, die gegen einen derartigen Bescheid klagen und in Einzelfällen dann doch eine Zusage erhalten.

abnehmen.net: Kann man der vererbbaren Krankheit Lipödem irgendwie vorbeugen?

Eine wirkliche Vorbeugung gibt es leider nicht. Wer ein Lipödem bekommt, sollte jedoch unbedingt ein Übergewicht vermeiden, da dieses die Beschwerden verstärkt. Der Trend ist heute, möglichst früh das krankhaft vermehrte Fett abzusaugen. Dies sollte jedoch nur in spezialisierten Kliniken erfolgen.

Fazit: Das Lipödem ist also eine ernst zu nehmende Krankheit, die es früh zu erkennen gilt. Deswegen versteckt euch nicht, sondern befragt einen Arzt, wenn ihr den Verdacht auf diese Krankheit habt. Weitere Informationen zum Lipödem findet ihr auf der Internetseite der Capio Hanse Klinik.