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Low Carb versus Portionsgröße

„Ich esse doch gar nicht viel!“ glauben die meisten Übergewichtigen. Diesem Irrglauben unterliegen möglicherweise ganze Nationen. Während das Angebot und der Verkauf an fett- und kalorienreduzierten Produkten in den USA seit dem Beginn der Fettsparwelle Mitte der 50er Jahre kontinuierlich steigt, wächst auch der durchschnittliche Taillenumfang. 

Allein zwischen 1977 und 1987 sank der Fettanteil der Nahrung in den Vereinigten Staaten um etwa 11 Prozent. Trotzdem wurden die Menschen aber nicht dünner und leichter, im Gegenteil! Der Anteil Übergewichtiger ist seitdem um 31 Prozent angestiegen. Auf den ersten Blick wirkt das paradox. Vergleicht man aber eine Portion Pommes frites von McDonald’s aus dem Jahr 1950 mit einer heute gängigen, so wird offensichtlich, warum. 1950 wog eine Portion Pommes frites knapp 70 Gramm und hatte 210 Kalorien. Die heutige Größe bringt gut 200 Gramm auf die Waage und liefert 610 Kalorien. Auch die Cola Becher sind zu beeindruckenden eimergroßen Gefäßen mutiert.

Verfechter der Low-Carb-Diäten legen Zahlen vor, die in scheinbar verblüffender Weise für ihre Friss-Dich-schlank-Methode sprechen: Die Amerikaner haben in den vergangenen Jahrzehnten immer weniger Fett gegessen und sind doch immer dicker geworden. Das kann nur heißen, dass nicht Fett, sondern Kohlenhydrate für Übergewicht verantwortlich sind. Oder etwa nicht?

Wer so argumentiert, macht einen weit verbreiteten logischen Fehler, den ein banales Beispiel verdeutlichen soll. Ein Mensch isst täglich zehn kleine Mahlzeiten: Viermal ein belegtes Brot, drei Portionen Obst und dreimal ein Stück Sahnetorte. Obst macht 30 Prozent seiner Nahrungsportionen aus, Brot 40 Prozent und Torte 30 Prozent.

Jetzt testet er eine selbst erfundene Diät. Er begnügt sich mit fünf Mahlzeiten: Zweimal isst er ein belegtes Brot und dreimal Torte. Die Torte macht mit drei von fünf Mahlzeiten 60 Prozent der Essensportionen aus. Der Tortenanteil hat sich also verdoppelt. Gleichzeitig nimmt unser Beispielesser ab. Stolz präsentiert er seinen Erfolg: Er habe Obst gemieden, dafür doppelt so viel Torte gegessen und dabei abgenommen. Der nahe liegende Trugschluss lautet: Torte macht schlank.

Sie haben es sicher bemerkt. Am Ende sprang das Beispiel von Anteil zu Anzahl. Korrekt ist, dass sich der Anteil von Torte an der Ernährung verdoppelt hat. Trotzdem wurde aber nicht mehr Torte gegessen, denn die Anzahl der verzehrten Tortenstücke blieb gleich. Es wurde aber insgesamt weniger gegessen, weil die Zahl der Mahlzeiten reduziert wurde. Kein Wunder also, dass unser Beispiel-Mann damit abnimmt.

Im Zusammenhang mit der Atkins-Diät wird der Fehler, dass Anteil und Menge verwechselt werden, gleich zweimal gemacht. Zum einen hat der durchschnittliche US-Bürger zwar den Fettanteil in der Ernährung von 1950 41 % auf heute 34 % gesenkt. Gleichzeitig hat er aber größere Portionen verzehrt. Die Teller und Becher wurden größer, ebenso wuchsen die Eispackungen und Pizzadurchmesser. Am Ende essen die Amerikaner nicht etwa weniger Fett, sondern eher etwas mehr, zusätzlich aber weit mehr Kohlenhydrate und Eiweiß.

Das zeigt eine Veröffentlichung der amerikanischen Gesundheitsbehörde „Centers of Desease Control“: Amerikanerinnen essen heute demnach täglich 335 Kalorien mehr als 1971, Männer nehmen 168 Kalorien mehr auf. 1970 aß ein Durchschnitts-Amerikaner im Jahr 678 Kilogramm Nahrungsmittel; im Jahr 2000 hingegen waren es 804 Kilo, über 120 stolze Kilogramm mehr. Der jährliche Fettkonsum ist in den USA von 25 auf 35 Kilo gestiegen. Die Tatsache, dass von allem anderen mehr verzehrt wird, lässt den Anteil von Fett schrumpfen, nicht aber die Menge, und auf die kommt es an. Kein Wunder also, dass die Übergewichtigen in den USA anteilig und mengenmäßig zunehmen. Zum anderen isst man mit der Atkins Diätnicht, wie es suggeriert wird, mehr Fleisch und Fett. Sie essen dramatisch weniger Kohlenhydrate, und weil der Rest auf die Dauer fad und reizlos ist, essen sie meist auch weniger Fett und Eiweiß. Wer mag schon Butter ohne Brot, Schlagsahne ohne Erdbeerkuchen, Wurst ohne Brötchen und Öl ohne Salat?

Anteilig essen die Diäter zwar mehr Fett und Eiweiß, insgesamt aber essen sie weniger. Wenn sie mit der Atkins Diät also abnehmen, so liegt das nicht an einer vermeintlich normalisierenden Wirkung von Fett und Eiweiß, sondern daran, dass sie weniger Kalorien aufnehmen.