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Soll ich mein Kind impfen?

Im Zuge der H1N1 Impfungen taucht die grundsätzliche Diskussion über Sinn oder Unsinn von Impfungen bei Kindern wieder auf. Wir klären über Mythen und Vorbehalte von Impfungen bei Kindern auf.

Experten befürchten, dass durch die Diskussion über den Sinn einer Impfung von Kindern gegen Schweinegrippe, verunsicherte Eltern diese Befürchtungen auch auf bewährte, sichere Kinderimpfungen übertragen. Dies ist gefährlich und kann die Gesundheit der Kinder aufs Spiel setzen. Der Münchner Kinder- und Jugendarzt Prof. Dr. Berthold Koletzko klärt über Einwände gegenüber Impfungen auf.

Krankheiten wie Diphtherie oder Kinderlähmung gibt es bei uns gar nicht mehr. Wozu also dagegen impfen?

Es ist gerade den Erfolgen von Impfungen zu verdanken, dass die früheren Schrecken der Kinderjahre, wie Pocken, Kinderlähmung, Diphtherie, Tetanus oder Masern heute bei uns so selten geworden sind. Sie sind aber (noch) nicht verschwunden. Tetanus-Erreger befinden sich im Erdboden auf der ganzen Welt und sind nicht zu bekämpfen. Nach wie vor erkranken Kinder in Deutschland an dieser lebensbedrohlichen Infektion. Eine Immunität gegen sie ist nur durch die Impfung zu erreichen.

Impfung für Kinder

Auch Diphtherie-Erreger sind noch vorhanden. Sie können von Urlaubsheimkehrern, Geschäftsreisenden oder Einwanderern tagtäglich eingeschleppt werden und sich ausbreiten. Fälle von Kinderlähmung (Polio) traten in der Dominikanischen Republik, in Anatolien und in Bulgarien auf, ebenso in Afrika und Indien. In den Niederlanden gab es 1992/93 eine Polio-Epidemie mit 68 Kranken und zwei Todesopfern. Eine Vernachlässigung von Schutzimpfungen kann auch heute noch ernsthafte Konsequenzen haben.

Krankheiten kann man doch mit Medikamenten behandeln. Sind Impfungen überhaupt notwendig?#

44 % der Deutschen glauben, es gäbe wirksame Medikamente gegen Tetanus, 34 % glauben, Tollwut sei heilbar. Leider falsch: Gegen Viruskrankheiten ist die Medizin auch heute noch weitgehend machtlos. Gegen eine Masern-Enzephalitis oder Mumps-Meningitis gibt es keine Medikamente. Die Gefährlichkeit zeigt der Masernausbruchs 2006 in Nordrhein-Westfalen: Dort gab es 1.749 Krankheitsfälle, 15 % davon mussten im Krankenhaus behandelt werden. Zwei Patienten starben an den Folgen einer angeblich so harmlosen Kinderkrankheit.

Wird das Immunsystem eines Babys nicht überlastet, wenn es schon einige Wochen nach der Geburt Krankheitskeime gespritzt bekommt?

Babys und kleine Kinder kommen jeden Tag mit neuen Keimen, Bakterien und Viren in Berührung. Die Antigene der abgeschwächten oder abgetöteten Krankheitserreger in den Impfstoffen machen nur einen kleinen Bruchteil dieser Begegnungen aus. Sie schädigen nicht das Immunsystem, sondern stimulieren es: Es reagiert nach der Impfung ähnlich wie bei einer echten Infektion und bildet Antikörper gegen die Krankheit.

Sechs Impfstoffe in einer einzigen Spritze: Ist das nicht einfach zu viel?
Keineswegs. Jedes Kind kommt schon unmittelbar nach der Geburt ständig mit neuen Keimen, Krankheitserregern und Antigenen in Berührung und beginnt so, sein eigenständiges Abwehrsystem gegen die verschiedenen Krankheiten aufzubauen. Das Immunsystem des Kindes ist in der Lage, sich gleichzeitig mit mehreren Erregern auseinanderzusetzen Die heute empfohlenen Impfungen für Kinder enthalten wesentlich weniger Antigene als die früheren. Die Routineimpfungen enthalten heute nur noch etwa 50 Antigene. Zum Vergleich: Eine Kiwi-Frucht enthält 30 neue Antigene.

Sollten Kinder nicht besser erst in einem späteren Alter geimpft, wenn ihr Organismus stabiler ist?
Das wäre durchaus möglich. Es stehen aber gewichtige Argumente dagegen: Manche Krankheiten, zum Beispiel Keuchhusten, sind gerade am Anfang des Lebens besonders gefährlich. Deshalb sollten die Kinder so früh wie möglich vor ihnen geschützt werden. Im frühen Säuglingsalter kommt es durch die Impfung seltener zu Lokalreaktionen oder zu Fieber.

Der Aufbau des Impfschutzes braucht zudem seine Zeit. So benötigt das Baby zum Beispiel zur Entwicklung der Abwehrkräfte gegen Wundstarrkrampf (Tetanus) mindestens drei Impfungen. Die Impfserie sollte bis zum Laufalter abgeschlossen sein. Denn: Ein Kind, das bereits laufen kann, kann auch hinfallen und sich dabei verschmutzte Wunden holen. Ohne ausreichenden Tetanus-Schutz bestünde dann Lebensgefahr.

Es gibt immer mehr Allergien. Sind die Impfungen schuld?

Für einen Zusammenhang zwischen Impfungen und einem gehäuften Auftreten von Allergien gibt es keine Anhaltspunkte. Das zeitliche Zusammentreffen einer allergischen Krankheit, zum Beispiel einer Neurodermitis, bedeutet noch nicht, dass die Impfung die Ursache der Krankheit ist. In der DDR, wo praktisch alle Kinder sehr gründlich geimpft wurden, gab es vor der Wiedervereinigung wesentlich weniger Allergien als im Westen. Bei Nachlassen der Impfbereitschaft in den neuen Bundesländern steigt auch dort die Zahl allergischer Erkrankungen an.

Warum können auch Geimpfte erkranken?
Keine einzige Impfung schützt 100 Prozent der Geimpften, ebenso wie kein Medikament bei sämtlichen Patienten wirkt. Der Impferfolg der meisten empfohlenen Schutzimpfungen liegt aber generell bei über 90 Prozent (Masern 95 Prozent, Hepatitis B 90-95 Prozent, Tetanus 95 Prozent).

Das Durchmachen einer Kinderkrankheit ist ein natürlicher Vorgang, den Kinder für ihre Entwicklung benötigen. Schaden da Impfungen nicht mehr als sie nützen?

Geimpfte Kinder sind nicht weniger gesund als nicht geimpfte. Eine schwere Infektion schwächt den kindlichen Organismus eher als dass sie die Entwicklung fördert. Außerdem ist nicht alles, was natürlich ist, auch gesund. Impfungen können Kindern einige der lebensgefährlichen Komplikationen von Infektionskrankheiten ersparen. Und noch etwas: Je mehr Kinder geimpft sind, desto seltener treten diese Krankheiten auf. Das bedeutet: Impfungen schützen nicht nur das eigene Kind, sondern auch Babys, andere Kinder, Schwangere und andere Erwachsene.

Impfstoffe beinhalten auch ein Risiko. Warum sollte man das für ein gesundes Kind in Kauf nehmen?
Keine Impfung ist ganz ohne Risiko, aber die Gefahren sind viel geringer als bei einer natürlichen Erkrankung. Nur bei über 100.000 Anwendungen werden nach einer Impfung ernste Folgen (z.B. allergische Reaktionen, unklare Erkrankungen) beobachtet. Die heute empfohlenen Impfungen wurden bereits bei Millionen von Kindern angewendet und haben sich als sicher erwiesen.

Selten können schwerere allergische Reaktionen auf einen Impfstoff auftreten. Bei der Kombinationsimpfung gegen Diphtherie, Wundstarrkrampf, Keuchhusten und Hib ist dies einmal bei über einer Million Impfungen der Fall, bei der Hepatitis B in einem Fall auf 600.000 Impfungen. Bei der Masernimpfung kann es in den seltensten Fällen (einmal auf eine Million) zu einer Hirnentzündung kommen. Diese ist aber 200 bis 400 Mal seltener als nach einer natürlichen Erkrankung an Masern.

Können Impfungen das Gehirn des Babys schädigen und später zu Autismus oder Leseschwäche führen?
Man weiß heute, dass die frühere Keuchhusten-Impfung weder zum Plötzlichen Kindstod führt, noch Hirnschäden verursacht; dass die Hepatitis B-Impfung nicht die Ursache der Multiplen Sklerose ist; dass die Masern-Impfung keinen Autismus verursacht und das die Mumps-Impfung nicht zu Diabetes führt.